Generation Angst: mit ihr haben wir nicht gerechnet

Dieser Artikel über unsere Future World of Work Studie gemeinsam mit der Universität Wien wurde auf dem Blog unseres geschätzten Kollegen Andreas Zeuch erstveröffentlicht, interessant zu lesen, da es dort eine sehr intensive Diskussion gab.

„Die jetzige Generation ist schon recht brav“, so Prof. Rudolf Vetschera von der Universität Wien. Wir sitzen in seinem Besprechungszimmer und diskutieren die Ergebnisse einer Studie, die wir in Kooperation mit der Universität Wien durchgeführt haben. 350 TeilnehmerInnen, durchschnittlich 25 Jahre alt, international, quer durch die Studienfächer mit einem große Schwerpunkt auf Wirtschaftswissenschaften. Wir wollten wissen, was sie sich denn so vom Arbeitsleben erwarten und wünschen. Viele der Befragten wissen, wovon sie sprechen, denn 90% der Befragten haben schon Arbeitserfahrung, immerhin 35% einen Full-time Job.

Warum wollten wir das wissen? Weil ich misstrauisch geworden bin angesichts der Gewissheiten, die wir über die „Millenials“ haben: dass sie voll partizipativ und flexibel arbeiten wollen, sie sich vor allem über „Sinn“, den purpose, motivieren lassen und nach Selbstverantwortung streben. Das passt perfekt in das Bild, das die Generation 40+ von der „new world of work“ malt, eine Welt, in der es keine Hierarchien mehr gibt, alle selbstbestimmt arbeiten können und die Community den Chef ersetzt. Ich persönlich wünsche mir das auch, und so arbeiten, publizieren, beraten und entwickeln wir BeraterInnen fleißig in diese Richtung, propagieren den Megatrend ist Selbstorganisation und Netzwerkorganisation, digital, genial. Und haben auch die passenden Beratungsangebote und Modelle im Angebot.

Misstrauisch auch, weil diese Diskussionen ganz offensichtlich unter meiner Generation (40+) stattfindet: bei den sogenannten „new work“ Konferenzen, aber auch in den Social Media Publikationen wird von angegrauten, hippen Turnschuhträgern miteinander ÜBER die nächste Generation gesprochen, aber selten MIT ihnen.

Zeit bei den Nachwuchspotentials direkt nachzufragen: jene, die an der Universität kurz vor dem Abschluss und dem Einstieg ins Arbeitsleben stehen.

Es gibt ja schon die eine oder andere Studie, die Hinweise in eine andere Richtung geben, Themen wie work-life balance werden wichtiger, Familie und Sicherheit. Das wollten wir, mein Partner Christian Mayhofer und ich, uns genauer ansehen, möglichst ohne unseren eigenen Bias und Wunschdenken. Wir haben also eine Studie in Kooperation mit der Universität Wien gestartet, mit dem klaren Ziel, dass diese durch, für und mit Studierenden durchgeführt wird. In einer qualitativen Vorstudie wurden rund 30 Studierende von ihren KollegInnen in qualitativen Tiefeninterviews befragt, die Themenfelder haben sie selbst erarbeitet, aufgrund ihrer eigenen Fragen und Bedürfnisse.

Auf diese Ergebnisse wurde eine online-Befragung aufgesetzt, 350 haben mitgemacht. Wir waren durch die qualitativen Ergebnisse auf die Ergebnisse vorbereitet, aber wenn man dann fundierte und verifizierte Zahlen vorliegen hat, ist man doch noch mal mehr betroffen und manchmal sogar schockiert.

Denn die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass wir es mit einer Generation zu tun haben, die völlig anders tickt als das Gros der Unternehmen und Manager, die entweder noch sehr autoritär, hierarchisch und verstaubt, oder sehr offen und selbstorganisierend probieren. Beides scheint ziemlich an den Bedürfnissen und Erwartungen dieser Generation, oder „Kohorte“ (in kürzeren Zeiträumen gedacht), vorbeizugehen.

Zusammenfassend sieht der Traumjob so aus

Ein sicherer Job in einem internationalen, aber nicht zu großen Unternehmen. Ein gutes Einstiegsgehalt mit guten Karrieremöglichkeiten und professioneller Weiterentwicklung. Am liebsten im eigenen Office, mit klarer Trennung zwischen Beruf und privat, mit relativ flexiblen Arbeitszeiten, aber keiner rundum Erreichbarkeit. Der Job sollte nicht zu herausfordernd sein, viel Routine ist kein Problem, im Gegenteil. Ideal wäre ein 30-35 Stundenjob, in dem Überstunden mit Freizeit ausgeglichen werden.

Ein Chef, der viel Feedback und Anleitung gibt, am liebsten auch noch ein Mentoring Programm. Ein freundschaftliches Verhältnis zu den KollegInnen, mit einer Mischung aus Team- und Alleinarbeit. Zu viel Verantwortung ist nicht nötig, Selbstorganisation nur bedingt wichtig. In 15 Jahren sieht man sich in einer eigenen Firma oder in einem mittleren Management oder Teamleiterjob. Der eigene Beitrag zum Unternehmenserfolg bzw. die Stimmung sind weniger wichtig, entscheidend sind Aufstieg und der sichere Job.

Nicht gerade das, was der Markt derzeit zu bieten hat und fordert: nämlich kreative Menschen, die sich einsetzen, ultraflexibel arbeiten. Und auch nicht das, worauf Unternehmen derzeit eingeschworen werden: Selbstorganisation, Abbau von Führung und Hierarchien, hohe Grade an Flexibilität.

Erste Erklärungsversuche

Wunsch und Realität könnten also nicht weiter auseinanderklaffen. Die Vorstellungen entsprechen in keinster Weise den Möglichkeiten und Bedürfnissen der meisten Unternehmen, weder jetzt und schon gar nicht in Zukunft. Man fragt sich: haben diese Kids noch nie etwas von Automatisierung und Artificial Intelligence gehört, die Standardjobs früher oder später komplett vom menschlichen Arbeitsmarkt verschwinden lassen werden? Wie ist es möglich, dass die sogenannten Digital Natives, die verbunden mit der Welt und den Informationen dieser Welt noch viel weltfremder wirken als wir (40+) in unseren 20ern?

Anbei ein paar Erklärungsversuche, die sich sowohl aus der eigenen Beobachtung, als auch aus Gesprächen mit „den Jungen“ ergeben haben.

# 1 – Diese Generation ist wohlbehhütet und stark überwacht aufgewachsen: die Eltern konnten ihre Ängste erstmal mit völliger Kontrolle kompensieren. Unsere Eltern hatten auch Angst um uns, konnten uns aber nicht ständig überwachen und so haben sie und wir gelernt, dass wir auch auf uns alleine gestellt überleben können, zumindest stundenweise. Somit konnten sie also wenig Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufbauen

#2 – Kinder sind zum Statussymbol und eine pure Ego-Extension geworden – „meine Kinder sind das wichtigste für mich“ ist ein Standardsatz und nicht unbedingt zum Vorteil für die Kinder: sie wachsen mit vielen Erwartungen auf, müssen Vieles kompensieren, stehen im Mittelpunkt, werden für alles gelobt, stehen im Wettbewerb und sind oft überfordert. Das könnte dazu führen, dass wir in der Studie hohe Werte beim Wunsch nach Führung und Feedback bekommen, sowie wenig Lust, „auch noch im Job gefordert zu werden“.

#3 – Der massive Wettbewerbsdruck über Social Media – ständig wird man verglichen und bewertet, steht in einem globalen Wettbewerb – führt zu einem hohen Druck und persönlicher Unsicherheit: egal wie gut man ist, da gibt es immer andere, viele andere, die noch viel besser, schöner, reicher, beliebter, erfolgreicher sind. Man will dann im Job nicht auch noch in Konkurrenz stehen, lieber sich den Routineaufgaben zuwenden.

#4 – Der allgemeine Wohlstand hat sich nochmals erhöht und die Kids haben oftmals in ihren Kinderzimmern eine bessere technische Ausstattung, als es ihnen ihre Arbeitgeber ermöglichen können. Geld ist da, man hat eigentlich schon alles, was man will, viele Kinder dieser Generation wissen nicht mal mehr, was sie sich zum Geburtstag wünschen können. Insofern ist es verständlich, das Geld nicht der große Anreiz ist, sondern eher eigene Weiterentwicklung, Aufstieg oder mehr Freizeit.

#5 – Das was für unsere Generation noch erstrebenswert ist: hohe zeitliche und örtliche Flexibilität, kommt bei den Kindern anders an: die Eltern arbeiten immer, sind jederzeit und jederorts erreichbar und geistig nicht wirklich verfügbar. Deswegen wollen sie wieder eine strikte Trennung von Arbeit und Privat. Ja, am liebsten 30-35 Stunden arbeiten, damit mehr Zeit für die Familie, für die Kinder, für sich selber bleibt. Sie wollen nicht wie ihre Eltern sein.

#6 – Diese Generation ist stark verunsichert – von Klein auf hat man ihnen gesagt, dass es „für sie wahrscheinlich eh keine Jobs mehr geben wird“. Sie suchen jetzt einen Job, der nicht möglichst interessant, sondern möglichst sicher und stabil sein soll. Sie suchen einen Anker in einer unsicheren, volatilen und instabilen Welt, die jeden Tag unübersichtlicher wird. Sie sind auch geprägt von vielen prekären Arbeitsverhältnissen, McJobs und Zukunfstängsten. Die gute finanzielle Ausstattung führt eben nicht zu einem Sicherheitsgefühl sondern zu Abstiegsängsten. Es gibt viel zu verlieren.

#7 – Familie, Heim und Herd ist wieder im Trend – man merkt es schon, es beginnt der Rückzug ins Privatleben, wenn die Welt da draußen so beängstigend und gefährlich ist. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat nicht nur für Frauen eine hohe Priorität, sondern liegt im allgemeinen Zeitgeist.

#8 – Das Bildungssystem bis hin zu den Universitäten ist jetzt noch “verschulter”: es gibt straffe Zeit- und Prüfungspläne, wenig Freiraum und Selbstorganisation. Die Studierenden machen nur mehr “was Punkte bringt”, ein Studium mit Scheuklappen, ein reines “um zu”: es wird ihnen gesagt, was sie zu tun haben, wann und wie. Sie werden zu Ausführenden und nicht zu Selbstgestaltern erzogen. Das macht sie natürlich höchst anfällig, von AI wegrationalisiert zu werden und sie lernen genau nicht, was gebraucht wird: Menschen die kreativ, vernetzt und selbständig denken und arbeiten können.

Fazit

Ich möchte mit dieser Studie darauf aufmerksam machen, dass wir möglicherweise an den (psychologischen) Bedürfnis der nächsten Generation der Leistungsträger vorbeidenken und arbeiten. Wir haben hier eine Generation herangezogen, für die wir jetzt auch die Verantwortung tragen und die wir unterstützen müssen auf ihrem Weg. Daher plädiere ich dafür, genauer hinzuhören und hinzusehen, was diese jungen Menschen brauchen und sich wünschen, und was möglich und nötig ist, um sie positiv in den Arbeitsprozess zu bringen und sich dort entfalten zu lassen. Und ich bin überzeugt, dass hier gute Führung, die fordert, fördert und unterstützt unerlässlich ist, wir können sie jetzt nicht sich selbst überlassen.

Einschränkend ist natürlich zu sagen, dass diese Ergebnis eine spezifische Gruppe von Studierenden betrifft und nicht für eine ganze Generation steht, es natürlich auch andere Gruppen gibt. Ganz daneben kann es aber nicht sein: immer wieder höre ich, dass die jetzt 20-25 jährigen völlig anders ticken, als die 30-35 jährigen in diesem Alter getickt haben, und sich viele Werte innerhalb kürzester Zeit massiv gedreht haben, relativ unbemerkt vom Mainstream.

Ergebnisüberblick

  • Das „eigene Büro“ ist für 43% das beliebteste Office Format, open space dagegen nur für 8%. Shared desk oder gar kein Büro: Alptraum! Das open Space wäre zwar für Kommunikation und Motivation sehr positiv, jedoch negativ was Stress und Konzentration betrifft.
  • Die „Coffee Corner“, Küche und Cafeteria ist den Youngster sehr wichtig, Spielplätze, Gym, Wellness area, ein eigener Kindergarten sind weniger relevant.. „we don’t need a playground in the office“. Im Büro wird gearbeitet, basta.
  • Für die Hälfte der TeilnehmerInnen ist Learning&Development sehr wichtig, am wichtigsten (60%) ist die professionelle Weiterentwicklung, dann die persönliche Weiterentwicklung, Leadership Development erst auf Platz drei. Nur Sprachkurse sind noch weniger wichtig.
  • Die Bedeutung von Teamwork ist relativ hoch, die wenigsten wollen ausschließlich oder nie im Team, sondern eben meistens.
  • Der Wunsch komplett oder sehr stark selbstorganisiert zu arbeiten ist bei 20%. 30% wünschen sich ganz oder eher hierarchisch organisiert zu arbeiten und das bei einer geringen Verteilung der Verantwortung. Interessant ist hier der Unterschied zwischen Wirtschaftsstudenten und „anderen“: Während bei den Wirtschafststudenten 28% gar nicht oder eher wenig selbstorganisiert arbeiten wollen sind es bei den „others“ fast 50%.
  • Nur 42% der Studierenden wünschen sich einen Full-time job, (46% der Männer, 39% der Frauen), und fast gleich viele wollen 30-34 Stunden arbeiten. Interessant: jene mit Arbeitserfahrung wollen signifikant weniger Vollzeit arbeiten (40%), als jene, die noch keien Erfahrungen gemacht haben (61%). Die wichtigste Gegenleistung für Überstunden ist mehr Freizeit, danach kommen Karrierevorteile und dann zusätzliches Gehalt.
  • Arbeitszeitflexibilität ist für 27% wichtig bis sehr wichtig, Arbeitsplatzflexibilität für 19%. Es sieht danach aus, dass ein fixer Arbeitsplatz/Ort eher gewünscht wird, als nicht.
  • Für 70% hat die Arbeitsplatzsicherheit sowie die Trennung von Arbeits- und Berufsleben höchste bis sehr hohe Priorität. Wobei die Sicherheit noch wichtiger ist.
  • Das Unternehmen sollte idelaierweise mittegroß sein (51-500 Mitarbeiter), weniger als 10 Mitarbeiter, also start-up Größe, wünschen sich nur 2%.
  • Der Wunsch ist eine eher kooperative Arbeitsumgebung, die Firmenstruktur soll weder besonders flach noch sehr steil sein.
  • Nur 12% der Befragten wünschen sich einen Job, in dem sie oft mit neuen Herausforderungen konfrontiert sind. 23%!! hingegen hoffen auf einen Job, der hauptsächlich aus Routinearbeit besteht und keine Herausfrorderung darstellt, für 66% reicht es, wenn sie ab und zu mal eine Herausforderung in ihrem Routinejob gibt.
  • Wenn man einen Sprung 15 Jahre nach vorne macht, sehen sich die 42% in einer mittleren Management oder Teamleader Position. 24% wollen eine eigene Firma gegründet haben und 15% ins Top Management. Unterschiede gibts auch hier: wer schon Joberfahrung hat, will tendenziell selbst gründen und und nur 14% sehen sich in einer Top- Management position. Von den Nicht-Wirtschaftsstudierenden streben nur 3% eine Top Position an.
  • Dafür sind die Gehaltserwartungen relativ hoch: 24% streben ein Monatsnetto von mehr als 2500 Euro an, 42% zwischen 2000 und 2500 Euro, der Rest darunter. Unter 1500 Euro würden nur 4% gehen.
  • Für die Motivation sind – zumindest zu Beginn – der Aufstieg auf der Karriereleiter und die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und des Wissens wichtig. Den eigenen Beitrag fürs Unternehmen zu sehen, ist am wenigsten wichtig. Gehalt und Arbeitsatmosphäre tragen auch nur bedingt zur Motivation bei.
  • Von Führung wird häufiges Feedback erwartet und eine freundliche, aber professionelle Beziehung. Viel Wert wird auf ein Mentoring Programm gelegt.
  • Diese Generation will international arbeiten, Business Trips und expatriate Programme sind kein Problem, insbesondere für die Wirtschaftsstudenten.

Studie: Durchgeführt von Veronika Keuschnigg und Prof. Dr. Vetschera (Universität Wien) im Sommer/Herbst 2017. Idee und inhaltliche Beratung: Julia Culen und Christian Mayhofer (Culen Mayhofer Partner).

Studienergebnisse im Überblick

Veranstaltungshinweis (von Andreas Zeuch): Diese Studie stellen Julia Culen und Christian Mayhofer in einem eigenen Workshop bei der 1. (Un)Konferenz Neue Konzepte für Neue Arbeit am 15.06. in Berlin vor. Dort kann dann auch live und in 4D darüber engagiert diskutiert werden: https://priomy.events

Herzliche Grüße

Julia Culen

 

Am 15. Juni diskutieren wir dazu auf der Transsektoralen (un)Konferenz von Priomy: https://priomy.events/home/ablauf/workshops/#toggle-id-1

DIE Presse am Sonntag macht das Blatt am 27. Mai 2018 mit den Artikel über die Studie auf:

 

 

 

Kein Stress: Wie wir künftig arbeiten wollen

An der Universität Wien wurden Studenten gefragt, wie sie sich ihren Traumjob vorstellen. Sie würden am liebsten 30 Stunden pro Woche arbeiten, aber dennoch gut verdienen. Mehr als ein Posten im mittleren Management ist für viele nicht erstrebenswert.

89 Prozent der befragten Studenten wollen einmal einen Beruf ausüben, in dem ihnen ein Konkurrenzkampf erspart bleibt.
89 Prozent der befragten Studenten wollen einmal einen Beruf ausüben, in dem ihnen ein Konkurrenzkampf erspart bleibt. – REUTERS

„Meine Generation ist konservativer, als man oft denkt“, sagt Veronika Keuschnigg und lässt noch einmal die letzten Monate Revue passieren. Angefangen hat alles mit einem Projekt. Gemeinsam mit der Wiener Unternehmensberaterin Julia Culen stellten sich die Studenten die Frage, wie sie sich ihre künftige Arbeitswelt vorstellen. Aus dem Projekt wurde eine kleine Studie. Und wenn das Ergebnis auch nur ansatzweise das widerspiegelt, was von unseren Universitäten in den nächsten Jahren auf den Arbeitsmarkt strömt, dann lässt sich das in drei Worte zusammenfassen: „Nur keinen Stress!“

Der Traumjob der heute 25-jährigen Studenten ist eine Position im mittleren Management in einem mittelgroßen Unternehmen, mit einer Wochenarbeitszeit von 30 bis 34 Stunden. Am besten ein Routinejob, der aber gerne auch nach Bedarf im Homeoffice erledigt wird, zumindest 2000 Euro netto einspielt und von einem Mentoring-Programm begleitet wird, damit man in der harten Arbeitswelt nicht ganz auf sich allein gestellt ist. Und am allerwichtigsten: Der Arbeitsplatz sollte sicher sein und so wenig wie möglich Konkurrenzkampf beinhalten.

So fällt die überspitzte Interpretation der Umfrage unter 350 Studenten wohl aus. Die Ergebnisse sind keinesfalls repräsentativ, betont Keuschnigg. Die 27-Jährige ist BWL-Studentin und hat das Projekt geleitet. „Wichtig war mir, dass hier Studenten von Studenten interviewt wurden“, sagt Initiatorin Culen. So wagten die Studenten, ihre Berufswünsche viel offener zu formulieren, ist die Gast-Lektorin an der Uni Wien überzeugt. Die Interviews dienten als Grundlage für die Fragebögen. 80 Prozent der Befragten studieren Wirtschaft, der Großteil in Wien, fast alle arbeiten neben dem Studium. Das Ergebnis ist selbst für einen erfahrenen Coach wie Julia Culen schwer in Worte zu fassen. „Es herrscht eine große Wunschlosigkeit“, sagt sie schließlich.

Aber warum streben nur 39 Prozent der künftigen Wirtschaftselite eine Führungsposition an? Warum gibt sich die Mehrheit mit einem Teamleiter- oder Expertenjob zufrieden? „Es herrscht die Meinung, dass es heute viel weniger Jobs und viel geringere Aufstiegschancen gibt als früher“, sagt Keuschnigg. Und egal wie hart man schuftet: Die Eigentumswohnung, die sich die Eltern mit einem Gehalt erarbeitet haben, schafft man heute nicht einmal mit zwei Akademikergagen. „So denkt die Generation Wirtschaftskrise“, sagt Culen.
Nur keinen Konkurrenzkampf. Während die persönlichen Karriereambitionen bescheiden sind, stellen die Manager von morgen durchaus hohe Ansprüche an ihren künftigen Arbeitgeber. 25 Prozent erwarten sich ein Einstiegsgehalt von 2500 Euro netto, immerhin 40 Prozent der Befragten würde sich für den Anfang auch mit 2000 Euro netto begnügen. 41 Prozent meinen, dass dafür aber 30 bis 34 Wochenstunden ausreichen müssten. Was aber besonders heraussticht: 89 Prozent wollen einen Beruf, bei dem sie so gut wie keinen Konkurrenzkampf fürchten müssen. „Die Angst, Fehler zu machen“, sei bei der sogenannten Generation Y stark ausgeprägt, meint Veronika Keuschnigg. Julia Culen ortet zwei Ursachen für die „Versagensangst“ unter Studierenden. Während frühere Generationen einfach mitgelaufen sind, werde nun ein „Hochaltar“ errichtet, um den sich alles dreht. Jedes Kind wachse heute mit der Gewissheit auf: „Ich bin was Besonderes.“ Nur irgendwann, spätestens in der Arbeitswelt, kommt es drauf, dass das Besondere mit besonderen Leistungen, Kenntnissen und Anstrengungen verbunden ist.

Und dann sei da noch ein Aspekt, meint Culen. „Viele Junge haben den Eindruck, dass sie ohnehin den ganzen Tag arbeiten. Instagram, Snapchat, Whatsapp.“ All die Zeit in den sozialen Medien bedeute „Megastress“ und Konkurrenzkampf. Wo man früher nach dem Büro „abschaltete“, fängt heute der Leistungsdruck richtig an. „Diese Generation braucht mehr Führung“, sagt Christian Mayhofer, der mit Julia Culen das Beratungsunternehmen Culen-Mayhofer-Partner betreibt. Anerkennung und Lob seien für die neuen Mitarbeiter extrem wichtig, schließlich seien sie von Geburt an mit Lobeshymnen überhäuft worden. Jungmanager wollen deshalb für besondere Leistungen auch sofort belohnt werden, berichtet Mayhofer. „Kein Jahresbonus, sondern sofort einen Bonus, Verzögerungen sind nicht eingeplant“, formuliert es der Unternehmensberater.
43 Prozent wollen ins Ausland. Worauf müssen sich die Personalmanager beim Recruiting künftig aber noch gefasst machen? „Auf topausgebildete Fachkräfte, für die lebenslanges Lernen keine Floskel ist“, sagt Keuschnigg. „Auf junge Mitarbeiter, die extrem gute Fremdsprachenkenntnisse besitzen und die überhaupt kein Problem damit haben, auch ein paar Jahre im Ausland zu verbringen.“ 43 Prozent der Studenten gaben an, für zwei Jahre in einer Auslandsniederlassung arbeiten zu wollen.

Die nächste Generation von Managern hat nicht nur kein Problem mit Veränderung, sie fordert von ihrem Unternehmen permanente Weiterbildung (86 Prozent der Befragten) und erwartet sich regelmäßiges Feedback (38 Prozent), am besten im Zuge eines Mentoringprogramms. Überhaupt werden „Mentoren“ gegenüber „Chefs“ bevorzugt. „Niedrige Hierarchien sind wichtig“, sagt Culen. Wenn schon Vorgesetzte, dann sollten sie kumpelhaft sein. Am Wochenende ist allerdings Schluss mit Kumpel. Für 47 Prozent der Studenten ist es sehr wichtig, dass Arbeit und Privatleben streng getrennt werden. Dass das Firmenhandy jederzeit läutet und auch abgehoben wird, kennen sie zur Genüge. Das Handy der Eltern war schließlich das einzige Utensil, das ihnen einst die Aufmerksamkeit auf ihrem Hochaltar raubte.