Zeit für Mitgefühl

Gestern haben wir mit Freunden für 100 Obdachlose in der Gruft 2 der Caritas im 18. Bezirk Mittagessen gekocht und serviert.  Organisiert und eingekauft haben das andere Freunde, danke an Euch, Christian und ich sind in letzter Sekunde dazugekommen.
Alle haben sich gefreut, die Bekochten, das fixe Personal und natürlich wir selber, es ist immer wohltuend und schön, anderen Menschen eine Freude zu machen und das Gefühl zu haben, einen – wenn auch kleinen – Beitrag zu leisten.

Kochen für die “Ärmsten der Armen”

Ich habe auch mehr erfahren, wer diese Menschen sind, für die wir kochen. Im Fall der Gruft 2 handelt es sich um EU-Bürger (außer Österreicher, dort wieder andere Regelung), die “nicht anspruchsberechtigt” sind. Das klingt zwar technisch, heißt aber de facto: sie haben keinerlei Zugang zu staatlichen Leistungen, nicht zu Mindestsicherung, nicht zu Beratungsstellen und auch nicht zum AMS. Dafür müssten sie einen Nachweis über einen 10/h Job und mindestens ein Jahr einen fixen Wohnsitz gehabt haben. Aber wie wir wissen: Ohne Wohnung kein Job, ohne Job keine Wohnung, kein Konto, kein Nichts. Diese Regelung wurde 2004 unter schwarz/blau I gemacht, wahrscheinlich, damit es nicht zu gemütlich wird in unserem Sozialsystem.

Es sind diese Menschen aus Rumänien, Bulgarien, Polen und anderen überwiegend osteuropäischen Ländern, die vielleicht bei uns vor den Supermärkten stehen und hoffen, dass für sie 1 oder 2 Euro von den Wagerleinsätzen abfallen. Es sind diese Menschen, für die Straße und Alkohol bleibt. “Es sind die Ärmsten der Armen, die zu uns kommen” erklärt Pascal, ein junger, äußerst sympathischer Tiroler, der hier Chefkoch ist und jeden Tag für 400 Menschen Frühstück, Mittag,- und Abendessen kocht, eine logistische Meisterleistung, wie ich finde. Es mache ihm mehr Spaß als in der Gastronomie. Macht mehr Sinn.

“Gegenüber sind die englischen Fräulein, jeden Tag in der Früh fahren sich hier die Superreichen mit ihren Luxus SUVs gegenseitig über die Zehen, während gegenüber die Obdachlosen zum Frühstück kommen. Größer könnte der Gegensatz nicht sein, das sollten Sie sich einmal ansehen kommen” erzählt mir der Leiter der Einrichtung. Seit 33 Jahren arbeitet er hier.

Mittlerweile ist das Menü fertiggekocht, und wir dürfen zuerst essen, es ist 11:30, etwas früh für mich, aber die Suppe, das Hühnergeschnetzelte und der Kuchen schmecken hervorragend. Nun geht es ans Verteilen, die Gäste sitzen schon sehr geordnet an 6er Tischen und warten geduldig, bis das Essenswagerl zu ihnen kommt. Sie sind alle überaus höflich,  man sieht ihnen das schwere Leben an, viele haben rote Gesichter, aber alle wirken relativ gepflegt und manch bildhübsche Frau sitzt dazwischen. Ein Herr im Sakko erzählt mir, dass es schon große Unterschiede gäbe, an seinem Tisch sitzen die, die sich zu benehmen wissen. Ein einziger Schwarzer ist auch dabei, er nimmt sich einen Teller und setzt sich alleine an einen kleinen Tisch.

Auf Nachfrage, ob es ihnen schmecke, strahlen Sie uns an: “Ja, alles ist hervorragend, vielen Dank!”

Man hört ein paar Gesprächsfetzen, einer sagt zu seinem Nachbarn: “Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich überhaupt lebe”… damit ist er wohl nicht alleine.

Politisieren in der Küche

In der Küche reden wir natürlich auch über Politik, über die neue Regierung und dass es nun vermutlich noch härter wird, für die Menschen, die obdachlos sind und alle, die auf Hilfe angewiesen sind. Dass wir als Zivilbevölkerung, als Gesellschaft gefordert sind, anderen Menschen zu helfen. Und dass es aus meiner Sicht nicht einmal etwas Besonderes ist, sondern eigentlich selbstverständlich sein sollte. Es ist einfach unmöglich zu verlangen, dass alle Menschen für sich selbst sorgen können müssen. Oder dass sie erst unterstützt werden, wenn sie eingezahlt haben ins Sozialsystem. Dann ist es ja kein Sozialsystem mehr, sondern ein linke Tasche – rechte Tasche System. Vielleicht ist es das, was uns als Menschen und soziale Wesen ausmacht, dass wir jenen, die warum auch immer nicht für sich selbst sorgen können, mitzuversorgen, einfach so. Vielleicht gibt es einfach überall einen Anteil von x Prozent der Bevölkerung, die von dem anderen, großen Teil, versorgt werden.

So wie ich denke, dass eine Generation für die nächste Generation sorgt, auf unterschiedliche Art und Weise, so hat die Gesellschaft für alle jene zu sorgen, die es – oft nur zeitweise – nicht selbst können. Das ist doch das Mindeste. Wir können doch nicht wegschauen, versuchen, diese Leute loszuwerden, sie bekämpfen, als Schmarotzer bezeichnen, sie vergraulen und demütigen, es ihnen nicht “so gemütlich” machen.

Sie kommen trotzdem und sie bleiben, in einem Elend, das durch nichts gerechtfertigt ist, technisch und finanziell nicht erforderlich sondern politisch erwünscht ist. Es ist beschämend, dass oft gerade jene Menschen, die viel zu viel haben (teils durch Geschick, vielfach einfach nur Glück, aufgrund von Erbe, Herkunft, Bildung, und oftmals durch viele Leistungen anderer), am meisten Angst haben, dass man ihnen etwas wegnehmen könnte.

Es ist Zeit für Mitgefühl, denn wir sind mit allen Menschen und ihren Schicksalen verbunden, ob wir es wollen oder nicht. Wir haben für sie mitzusorgen und dankbar dafür zu sein, dass wir in der Lage sind zu helfen und nicht auf Hilfe angewiesen sind. Nicht nur zu Weihnachten. 

 

 

dadada

 

DANKE AN ERIKA KLEESTORFER UND CLAUDIA ALBERT, FÜR DIE INITIAVE, DIE ORGANISATION UND DIE EINLADUNG ZUM MITMACHEN!!


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