Situationspotential statt Predict & Control

In unserer Sehnsucht nach Sicherheit versuchen wir unsere Welt durch Planung und Kontrolle zu stabilisieren. Auch wenn uns die Erfahrung sagt, dass unsere Pläne immer haltloser und unsere Versuche, das Leben unter Kontrolle zu halten immer verzweifelter wird, bleiben wir dabei.

Francois Jullien, ein französischer Philosoph, stellt unserem typisch “westlichen” Ansatz ein anderes Modell des Situationspotentials gegenüber, das er in seiner langen Zeit in China beobachtet hat:

Das Situationspotential kann sich jeden Moment erneuern und die Kunst ist, dieses zu erkennen und – mühelos – in den eigenen Vorteil zu verwandeln, zu transformieren.

“Der Stratege wird nicht von einer Situation ausgehen, die er zuvor modellisiert hat, sondern vielmehr von der vorliegenden Situation, in der er sich befindet und innerhalb derer er versucht auszumachen, wo sich das Potential befindet und wie es auszunutzen ist”[1].

Der Vorschlag ist also, in die genaue Wahrnehmung des Potentials im Hier und Jetzt zu gehen. Durch unseren starken Fokus auf unsere Ziele und die große Anstrengung, die wir damit verbinden, verfehlen wir diese oft und versäumen noch dazu das Potential, das sich in jedem Moment auftut, Möglichkeiten die jenseits unserer Vorstellung liegen und daher gar nicht planbar sind.

Dies ist keine Aufforderung zur Passivität sondern eine sehr aktive Form des Präsentseins und Wahrnehmens, ein aktives Nichtstun, das viel Übung und Disziplin erfordert. Es ist vielfach einfacher, vorgeplante Aktivitäten und Strategien auszuführen als sich in eine Spannung des Gewahrseins zu begeben.

Man könnte das mit der Aktivität des Bodyguards vergleichen: die allermeiste Zeit tut er nichts, steht einfach herum, so wie es von außen scheint. Was er aber tut, ist eine ständige Einschätzung des Gefahrenpotentials der jeweiligen Situation. Es kann sich stundenlang nichts tun und pötzlich passiert etwas für uns kaum Wahrnehmbares, was die Situation komplett verändert. Seine Meisterschaft beruht nicht darin, ständig in hektischer Aktivität zu sein, sondern im entscheidenden Moment die nötigen Impulse zu setzen und eine gefährliche Situation zu entschärfen.

So ähnlich geht es guten Strategen: auch wenn es sich besser anfühlt, ständig beschäftigt zu sein mit dem befriedigenden Gefühl, etwas zu tun, kann es manchmal genau das Falsche sein, und jede weitere Handlung verhindert den freien und klaren Blick auf die Situation uznd verstellt den Blick auf das Potential.

 

[1] Francois Jullien: Vortrag vor Managern über Wirksamkeit und Effizienz in China und im Westen. Seite 33

 


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