Grenzen

Grenzen sind ein schwieriges Thema. Sie sollen nämlich schützen, ohne zu trennen. Sie sollen für Klarheit sorgen, ohne andere oder sich selbst zu verletzen. Sie sollen einen Raum halten für das Eigene und dabei das Andere respektieren. Sie sollen Raum geben ohne Raum zu nehmen.

Also ich finde das wirklich schwierig. Was soll das überhaupt heißen? Sich abgrenzen. Grenzen setzen.

Heißt es, dass man unberührt sein soll vom Elend der Welt? Ungerührt gegenüber den Abwertungen der Umwelt?

Was ist die beste Methode? Angriff? Verteidigung? Rückzug? Klarheit? Feedback? Nein sagen, wenn man nein sagen will und Ja sagen, wenn man ja sagen will? Auch wenn man gar nicht weiß, ob es den anderen verletzen würde? Ob es zum Ziel führt?

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Um zu wissen, wann die eigenen Grenzen überschritten sind, müsste man zuerst einmal wissen, wo diese überhaupt sind. Und zweitens müsste man markiert haben oder markieren, dass nun diese Grenze überschritten ist. Dafür müsste man sich schon mal Gedanken darüber gemacht haben, ob es dort überhaupt eine Grenze gibt.

Denn die Grenze ist virtuell, nicht sichtbar.

Denn es gibt ja nicht DIE GRENZE. Die Grenzen tauchen ja, so wie alles andere, in Schichten und Ebenen auf (Layers). Je nach Situation, Person, Themenbereich. Privat, Beruflich. Und dann verändern sie sich auch noch, je nach Entwicklung und Tagesverfassung.

Ein Hinweis auf Grenzüberschreitung durch andere ist Wut. Hilflosigkeit. Ärger. Schwindel. Angst. Angenommen, ich nehme das wahr. Angenommen ich reagiere darauf und bitte mein Gegenüber, mit dem, was meine Grenzen überschreitet aufzuhören. Dann kann die nächste Überschreitung kommen. Ich werde verhöhnt. Nicht ernst genommen, abgewertet und der Überempfindlichkeit bezichtigt. “Das tut doch gar nicht weh.. was jammerst Du herum, Du Opfer”. (Das sagt zwar niemand so, aber so ca ist es gemeint). Und dann?

Rückzieher? Auszucker?

Grenzen setzen ist schwierig für mich. Man braucht eine starke Selbstwahrnehmung, Sensibilität sich selbst gegenüber, ohne ein wehleidiger Egozentriker zu werden. Man braucht verdammt viel Mut. Denn das paradoxe ist: Um eine Grenze zu setzen, muss man oft seine Verwundbarkeit zeigen, die man ja gerade schützen will. Man muss sagen: Aua, das hat wehgetan. Bingo, der andere kennt Deine Schwachstelle. Und dann die Angst, die Beziehung zu gefährden. Was, wenn die Grenze die Verbindung durchtrennt? Wenn sie nicht akzeptiert wird? Wenn das Setzen der Grenzen Verletzungen und Abwertungen nach sich ziehen? Es ist gefährlich, es ist total mühsam, unübersichtlich und schmutzig.

Und notwendig, denn Grenzen definieren und schützen die eigenen Integrität. Sie sind nötig um nicht verletzt zu werden, und sie müssen aufgebaut und verteidigt werden. Sonst verliert man Kraft, wird nicht wahr- und ernstgenommen. Wenn man sich selbst nicht spürt, spüren einen die anderen auch nicht, und das wollen sie. Die Suche nach den Grenzen ist auch die Suche nach Kontakt und Verbindung.

Also man braucht Mut, Mut, Mut, einstehen für sich selber. Man darf ja nicht die Gefühle der anderen mehr würdigen als die eigenen (er hat´s bestimmt nicht so gemeint.. ist ja nicht so schlimm), aber auch nicht völlig übersehen. Man braucht also Mitgefühl mit sich und Empathie für den Anderen, damit man konstruktive Grenzen setzen kann, das heißt, Klarheit schaffen was geht und was nicht, und gleichzeitig in Verbundenheit zu bleiben.

Wenn ich das Ganze zu Ende denke, bleibt nur eine Person, die meine Grenzen überschreitet, nämlich ich selber: indem ich ja sage, wenn ich nein sagen will, in dem ich unklar bleibe und anderen Raum lasse, indem ich mich nicht zur Wehr setze und lieber die Harmonie suche, indem ich schwierige Gespräche meide. Ich bin diejenige, die die Grenzüberschreitung merkt und dann zulässt, als überschreite ich die eigenen Grenzen, wenn ich es zulasse, dass es andere tun, die davon vermutlich nicht einmal wissen. Und wenn sie es wissentlich tun, wiederholt, bleibt nur eine Lösung: Abstand und Distanz. Sichere Bedingungen schaffen. Keine Gelegenheit für Grenzüberschreitung bieten (wie z.B. eigene Offenheit). Ganz einfach. Was bleibt, sind 100% Selbstverantwortung.

 

 

 


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