DAS SYSTEM – das unbekannte Wesen

“Das System ist immer größer als Du”. Dieser Satz hat seine Wirkung nicht verfehlt. Ich fühlte mich völlig entmutigt und klein. Denn – echt jetzt – was sollte ich schon angesichts dieses übermächtigen Systems, das immer größer ist als ich, schon ausrichten?

Das ist ja das Blöde oder auch Gute an “dem System”. Es ist nicht greifbar. Es ist nicht berechenbar. Es ist eine Black-Box. Es besteht nur aus Kommunikation und Entscheidungen. Es entzieht sich jedem relevanten Zugriff. Man weiß gar nicht so recht, woher es kommt und wohin es geht. Es hat seine eigene innere Logik. Es hat sich verselbständigt, ein Geist den man rief und nun nicht mehr kontrollieren kann. Der Mensch ist nur mehr relevante Umwelt, und kann es nur irritieren und beobachten, aber steuern, verändern? Es hat eigene Muster. Das System. Es ist so eine Art Überding, ganz schön mächtig. Und halt immer größer als man selber.

Irgendwann begann ich mich zu fragen: wo genau ist eigentlich “das System”? Noch nie hat es jemand gesehen. Wo ist es? Ist es die Menschen? Die Gebäude? Die Verträge? Die Kunden? Die Produkte? Die Konten? Es ist aus meiner Sicht und vor allem ein Konzept, eine Hilfskonstrukt, also eine Erfindung um das Unbeschreibliche zu beschreiben. Um das Unerklärliche zu erklären. Es ist auch recht praktisch, weil nämlich niemand so richtig zuständig ist. Weil “das System”, das tickt eben wie es tickt, was kann man da schon machen. Es lässt sich ja nicht steuern.

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Es sind immer Personen, die ein System erfinden (Steuersystem, Buchhaltungssystem, mathematische Systeme), oder im Fall von sozialen Systemen, diese bilden, gemeinsam mit anderen Personen. Sie geben sich einen Sinn, Regeln, Grenzen und so weiter. Mit der Zeit entsteht eine gewisse Stabilität im Verhalten, eine gewisse Wiederholung in Verhaltensmustern. Weil es sich so oft wiederholt, entsteht die Illusion eines Objektes, eines “Systems”, das getrennt von den Personen existiert. Tatsächlich muss dieses System aber aktiv und jeden Tag wieder aufrecht erhalten werden, es ist nämlich kein Ding sondern eine Vielzahl an lebendigen Interaktionen. Am klarsten wird es, wenn “das System” streikt, sprich, wenn keine Person mehr zur Arbeit erscheint, da kollabiert “das System” von einer Minute zur anderen.

Wenn Systemiker oder Manager also das System diagnostizieren, dann reden sie natürlich nicht mit dem System, sondern mit -richtig- Personen. Echten Menschen! Denn mit dem System kann man nicht reden. Es sind genau diese Menschen, die jeden Tag dazu beitragen, dass die Muster des Systems immer wieder wiederholt werden. Und es sind genau diese Menschen, die gemeinsam neue Denk- und Verhaltensweisen ausprägen könnten. Es ist technisch möglich, dass die selben Menschen etwas Neues ausprobieren, ohne dass sich “das System” ändern müsste. Sie sind nicht im System, sie sind das System.

Wenn Sie also wieder im Führungs- oder Managementteam über das System und seine Muster sprechen, so als hätten diese gar nicht mit Ihnen selbst zu tun, rate ich folgendes auszuprobieren: Ersetzen Sie einfach das Wort “das System oder die Organisation”, mit “Wir und Uns.” Beispiel: “In dieser Organisation gibt es ein Muster von Angst und Misstrauen.” und jetzt nochmal in Version 2: “Wir haben Angst und misstrauen einander”. Aha. Klingt nicht schön, plötzlich hat es etwas mit uns zu tun. Es wird persönlich. Es wird menschlich. Aber es wird plötzlich auch greifbar und konkret, wir sind nicht mehr einem Über-Ich System ausgeliefert, sondern wir sind die Quelle, die “das System” kreiert. Also sind auch wir diejenigen, die es in der Hand haben, es zu verändern. Falls wir wollen. Plötzlich haben wir sogar Zugriff auf das, was vorher noch angreifbar schien. Andernfalls können wir uns auch zurücklehnen, in dem wohligen Wissen “Ich wars nicht”.. weil es gibt ja immer “das System”.

Das ist sozusagen auch meine Kritik am “Systemischen”. Es wirkt für mich, als ob die ursprüngliche Idee, nämlich eine tiefe Verbundenheit und die Wechselwirkungen von Allem zu sehen, verloren ging. Und stattdessen begonnen wurde, das System zu einem abstrakten Objekt zu machen (nicht als Prozess zu sehen) und die Personen vom System zu trennen. Anstatt also voll in die Verantwortung und die Gestaltung zu gehen und dabei bei sich und somit im Zentrum zu beginnen, bleibt man irgendwo in der Beobachter und Irritierer Rolle. Ein sicher Platz, allerdings ein sehr kraftloser Ort.

 

Ergänzung aufgrund eines kritischen Feedbacks, das ich dankenswerterweise in Facebook bekommen habe (spannende Diskussion):

Es geht für mich keineswegs um eine Rückkehr zum Individualismus, also Systemfehler auf Einzelne zu projizieren, sondern darum zu sehen, dass wir nicht im Stau stehen, sondern der Stau sind. Zu erkennen, dass wir gemeinsam etwas verändern können, wenn wir anerkennen, dass wir die Quelle des Systems sind und gemeinsam etwas Neues wollen. In größeren Organisationen sehe ich vor allem jene Personengruppe in der Verantwortung, die den Kontext für den Rest der Organisation setzt und “Das System” für den Rest der Organisation repräsentiert: das zentrale Management-Team / Eigentümer Team.

 

 

Stay tuned for my next post: “Being human in a digital world” 


4 thoughts on “DAS SYSTEM – das unbekannte Wesen

  1. Das System, das sind ja die Kommunikationen. So versteh ich es jedenfalls. Das kann vieles sein und ist es in der Regel auch. Wenn wertschätzend miteinander geredet wird, dann ist das System davon gefärbt. Wenn Managementsysteme Waren und Menschen und Kunden und Märkte und und und managen, dann ist das System entsprechend anders gefärbt.
    Mir ist im Laufe meines Lebens klar geworden, dass es zuallererst darauf ankommt, wie ich mein Tun reflektiere, wie ich beharrlich meine innere Werte entdecke und vertrete. Es liegt an auch an mir, mich dort zu verweigern, wo etwas deutlich von dem abweicht, was ich vertrete. In der kalten Welt der Besserwisser, der machthungrigen Ego-Bosse, der Da-kann-ich-allein-nichts ausrichten-Systemopfer werde ich allein keinen Unterschied machen, das ist mir klar. Mich macht jedoch zuversichtlich, dass viele ICHs durchaus was bewegen können.
    Als Beraterin finde ich euren Ansatz, dass es am besten ist, wenn das Top-Management dafür gewonnen wird, sehr einleuchtend. Ich denke noch immer dankbar an den Tag zurück, an dem ich mit euch dreien arbeiten dürfte.

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  2. Hallo Tom, sehr gerne. Die Systemtheorie hat sehr viele interessante Impulse aufgenommen, die die Sichtweise, wie wir auf Organisationen schauen können, stark erweitert und bereichert hat, nicht zuletzt Impulse wie den Konstruktivisimus. Aus meiner Sicht ist allerdings ist bei der Übertragung von der systemischen Familientherapie auf die systemische Beratung ein Fehler passiert: Familiensysteme unterscheiden sich von anderen sozialen Systemen durch einen fundamentalen Unterschied: man kann aus ihnen nicht aussteigen, man gehört dazu oder nicht. Das ändert aus meiner Sicht alles. Und es herrschen ganz andere Dynamiken. Organisationen oder andere soziale Systeme sind für mich durch viel mehr Freiheit, Freiwilligkeit und Selbstverantwortung geprägt als diese übermächtigen und über Generationen aufgebauten Familiensysteme.
    “Systemische” Berater und Beratung ist aus meiner Sicht sehr verwässert: vielleicht ein Versuch, sich von reinen Fachberatern abzugrenzen, die sich nicht mit Themen wir Organisationsentwicklung, Change Management, Leadership etc beschäftigen. Aber im Grunde genommen kann man kaum mehr beraten, wenn man nicht in der Lage ist, komplexe Systeme und Muster zu erkennen und damit zu arbeiten. Tatsächlich arbeitet man aber nie mit Mustern und Systemen sondern immer mit handelnden Personen, darauf möchte ich aufmerksam machen. Es geht für mich also nicht darum, den systemischen Ansatz komplett zu kritisieren, sondern diesen Aspekt..
    Für mich persönlich ist es so, dass ich mich nicht auf irgendwelche Theoreme und Schubladen stecken will, so wie: systemische Beraterin. Bin ich einfach nicht. Ich schöpfe aus Wissen, Erfahrung, Intuition und whatever helps und arbeite völlig frei mit meinen Kunden… wie man das nennt, ist mir egal, wichtig ist die Wirkung und die stimmt.

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  3. Danke für den Text.
    Ich würde mich einmal sehr gerne über kritisch über systemische Beratung unterhalten.
    Irgendwie ist hier in Österreich fast jedeR systemische BeraterIn… frage mich nur was es den sonst noch gibt und wo die Nachteilte dabei sind.

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