Die EU braucht Leader, nicht Verwalter

 

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Der Zustand der EU spiegelt sich in vielen Europäischen Konzernen wider, bzw. umgekehrt. Das Problem eines Systems, das sich selbst zu Tode administriert und an der eigenen Verfasstheit zu scheitern droht. Das muss jedoch nicht sein.

Es wird immer wieder vergessen, dass sowohl Unternehmen als auch politische Systeme keine Gegenstände sind, die man verwalten kann, sondern lebendige Organismen, die gestaltet und immer wieder neu definiert werden müssen.  Hier wie dort ist Erneuerung und Leadership gefragt.

Ich habe die Entwicklung der EU mit einem Traditionskonzern verglichen, und kam auf erstaunliche Parallelen: 

Die EU verhält sich nicht viel anders, als ein satter Konzern, der nach der Start-up Phase in die uminspirierende satte Verwaltungsphase gekommen ist und alle Zeichen der Degeneration zeigt: Bürokratisierung, Entfremdung, Krisenanfälligkeit, Zerfallserscheinungen.

Am Anfang gibt es eine Idee, eine Vision, einen Purpose. Dann kommt die Phase der Formierung und Fragen: Wie können wir diese Vision manifestieren und konkret in die Welt bringen? Dann gibt es Verhandlungen, Gründungsmanifeste, Verträge, Phasen der Annäherung, des Entstehens.

Die ersten Jahre/Jahrzehnte werden genährt vom Spirit des Neuen, vom Zauber des Anfangs, vom Glück des Gelingens und von der Energie der Gründer, die die Menschen/das Volk inspirieren, begeistern und mitnehmen. Start-Up Energie, sowohl in politischen wie auch wirtschaftlichen Organismen.

Dann kommt die Zeit der Professionalisierung, der Werdung, der Reifung. Und diese Phase bringt neue Regulatorien, Prozesse, Gremien, Ausschüsse, also neue Arbeitsformate mit sich. Sie sind fast immer Antworten auf Probleme und Fragen, die in Form von Gesetzen und Regulatorien gelöst werden. Durch die Verfasstheit der EU, die in der Diversität auf Konsens aufgebaut ist,enstehen faule Kompromisse, bzw. Regeln, die für manche Länder völlig sinnlos sind.

Na gut, also das ist dann die Phase, in der “die Bürokraten” übernehmen. In Konzernen wären das dann die Stabstellen. Plötzlich übernehmen Abteilungen wie HR, Strategie, Controlling, IT das Ruder, die eigentlich weit weg vom Kerngeschäft sind.

Die Führung hebt sich immer mehr ab, bleibt nur mehr in den eigenen Kreisen, versteht die Welt nicht mehr und beginnt sich in sich zurückzuziehen. Die berühmte Parallelwelt entsteht. 

Das ist auch die Phase der Sättigung, in der wenig Neues entsteht, und das Hauptziel ist, den Status Quo zu halten, bzw. zu verwalten. Organisationen werden ähnlich wie politische Konstrukte in diesen Phasen sehr anfällig für Krisen und die Stabilität erweist sich als äußerst fragil, wenn unerwartete neue Anforderungen auf sie zu kommen.

Die Finanz- oder Flüchtlingskrise der EU war so nicht geplant und erwartet, ähnlich wie UBER für die Transportbranche. Was dann passiert sind die üblichen Mechanismen: Schockstarre, Symptombekämpfung, Krisenaktionismus und der Versuch, die Krise mit noch mehr Kontrolle und Bürokratie in den Griff zu bekommen.

Die EU so wie auch viele Konzerne sind in der Zwischenzeit ein Moloch geworden, die Entscheidungsprozesse dauern ewig, die Führung ist sich uneinig und die Gremien zahl- und zahnlos geworden. Man verheddert sich in den eigenen Strukturen und erste Lähmungserscheinungen machen sich breit. 

In dieser Situation ist natürlich viel Raum für Unsicherheit, Unmut, Unzufriedenheit. Die Stimmung wird schlechter, die Mitarbeiter/Bürger schimpfen auf “die da Oben”, fühlen sich im Stich gelassen, bekommen zum Teil irrationale Existenzängste, schauen sich nach Führung um, sehnen sich nach Orientierung, Sicherheit und Stabilität. In Unternehmen bilden sich in so einem Vakuum informelle Leaders heraus, die das System unterminieren, in politischen Systemen Populisten, die genau dies Versprechen in vollem Bewusstsein aller, dass dies unrealistisch ist. Aber alleine die Bilder, die sie zeichnen, sind ausreichend.

Was es jetzt braucht, sind Erneuerungsprozesse, sonst stirbt das System ab. Und Erneuerungsprozesse brauchen Leadership: Menschen, die in der Lage sind, interessante Zukunftsbilder zu zeichnen, die Menschen auf die Grundidee zu besinnen, bzw. diese zu erneuern – was ist die EU heute und morgen? – und eine Form von Begeisterung und Identität zu schaffen. Diese Realität ist genauso konstruiert wie die Realität der Populisten mit dem Unterschied, dass sie konstruktiv und nicht destruktiv sind.

Und zwar nicht in der Form des “starken Mannes” sondern in Form eines kraftvollen Teams, das die Eigenverantwortung und Energie der Menschen stärkt, Rahmenbedingungen schafft, die ermutigen und ermöglichen und in einer Sprache spricht, die alle Menschen verstehen. Die wieder mutiger und kreativer wird und in der nicht das System zum Selbstzweck wird und nicht Verwaltung zum Inhalt.

Menschen können mobilisiert werden, jenseits der Umstände, jenseits des Logischen. Ein gutes Beispiel ist Island, die mit Willen, Vision und Teamgeist unschlagbar sind (bisher). Eigentlich nicht erklärbar. So ähnlich ist es mit Unternehmen und er EU. Sie kann sich selber aus dem Sumpf ziehen, aber sie braucht Leadership, Identifikationsfiguren und Inspiration. Ich glaube, es gibt diese Menschen, man müsste ihnen aber zuhören.