Bewusstheit statt Anstrengung – Feldenkrais für Organisationen

Viele Organisationen bewegen sich äußerst schwerfällig und behäbig. Mehr Anstrengung führt zu immer weniger Ergebnis und immer mehr Druck. Ein anderer Weg wäre, diese Muster zu hinterfragen und sich diese bewusst zu machen und neue auszuprobieren. Organisationen haben grundsätzlich die Kompetenz, zu eleganten sehr effiziente Organisations- und Verhaltensmuster zu finden. Dazu bräuchte es aber einen freien Kontext und neue andere Formen des Lernens und Verlernens.

(Please find the English version of this article on: https://juliaculen.wordpress.com/2015/08/13/no-pain-no-gain-how-we-endanger-organizational-success-by-trying-harder/)

Diese Erkenntnis kam durch eigenen schmerzvolle Erfahrung:

Vor ein paar Jahren hatte ich einen Bandscheibenvorfall (Das Ergebnis von falscher Bewegungsmustern und noch mehr Anstrengung). Über viele Monate habe ich alle möglichen Therapien ausprobiert, nichts half. Durch Zufall stieß ich auf Feldenkrais und nach einer 40 minütigen Sitzung war ich zum ersten Mal seit Jahren ohne Medikamente schmerzfrei, habe mich entspannt bewegen können. Es war wie ein Wunder.

Natürlich hat mich diese Methode nicht mehr losgelassen und fasziniert und mit der Zeit wurde mir klar, dass viele Prinzipien und Erkenntnisse aus der Feldenkrais-Methode auch auf andere Bereiche und auf Organisationen angewendet werden könnten.

Es geht sehr um das Verlernen schädlicher und Neulernen  hilfreicher Bewegungsmuster, um die Verbesserung der Koordination des Bewegungsapparates durch das Sensibilisieren der eigenen Körperwahrnehmung. Je weniger sich der Körper anstrengt, je zarter die Bewegungen, desto mehr kann das Gehirn wahrnehmen. Es geht darum “Bewusstheit durch Bewegung” zu erlangen.

Hier einige Prinzipien, die ich für außerordentlich relevant auch für Organisationen halte:

Beim Erlernen von neuen Bewegungen richtet sich das kindliche Gehirn nach zwei grundlegenden biologischen Kriterien der Bewegungseffizienz, die es befähigen, die beste Koordinationsweise zu wählen:

  • Helfen die neu erlernten Bewegungsmuster in der Welt herumzukommen und sie zu entdecken? (Hilft uns diese “Bewegung” beim erreichen unsere Ziele, unseres Core Purpose?)
  • Wirken diese Bewegungen leicht und fließend?
  • Wenn beides zutrifft, werden diese Muster übernommen. Klingt eigentlich sehr logisch, widerspricht jedoch unserer Vorstellung, dass die Dinge dann gut sind, wenn sie sich leicht und fließend anfühlen. In unserem Paradigma ist das Schwere und Anstrengende das Gute. Ohne Fleiß kein Preis.

Kinder werden geleitet von einer unfehlbaren Empfindung für das, was optimal ist, unbelastet durch Regeln, Verbote oder gesellschaftliche Rollenzuweisungen, die unser Erwachsenenverhalten und unsere Körperwahrnehmung bestimmen und einschränken. Wenn unsere Bewegungsgewohnheiten uneingeschränkt, das heißt flexibel sind, können wir Muskeln und Knochen harmonisch koordinieren, ohne uns damit zu beschäftigen, wie das funktioniert. Wenn diese Gewohnheiten nicht optimal sind, dann bewegen wir uns mit Anstrengung. Verletzungen der Gelenke, Muskeln und Sehnen können die Folge sein.

Im übertragenen Sinne passiert ähnliches in Organisationen: die vielen Regeln und Vorgaben schränken die Bewegungsfreiheit ein. Hinzu kommen Glaubenssätze, “Kultur”verhalten und weitere völlig unbewusste, suboptimale Muster. Dies kumuliert in einem hohen Grad an Anstrengung. “Verletzungen” wie Burn-Out, Stress und Leistungsabfall sind die Folge. Wie reagieren wir? Mit noch mehr Anstrengung! Von Kreativität und Freude nicht zu sprechen.

Möglicherweise geht es Organisationen wie Menschen: sie hätten grundsätzlich die Fähigkeit, die Intuition und die Kompetenz, sich elegante, leichte und sehr effiziente Organisations- und Verhaltensmuster zu finden und aufgrund ihrer Wirksamkeit zu übernehmen oder nicht. Dazu bräuchte es aber eine völlig andere Form des Lernens und Verlernens.

Ich bin überzeugt, dass eine Verbesserung der kollektiven Bewusstheit in Organisationen dazu führen könnte, dass sich Organisationen natürlich aus sich heraus “weiter”-entwickeln und lernen können; dass sie die für sie passenden Bewegungen lernen und adaptieren könnten, würden sie dafür geeignete Bedingungen vorfinden. Doch dafür bräuchte es Vertrauen, Loslassen und gemeinsame Ziele und Techniken, dies auf eine breite Basis zu stellen. Das ist auch Inhalt und Kernfrage unserer derzeitigen Forschung: wie kann es gelingen, Bewusstheit, Intuition, Leichtigkeit und Natürlichkeit in Organisationen zuzulassen und neue leichte Bewegungen zu verankern, ohne dass sie zur nächsten Wahrheit werden?

Empfehlungen:

Roger Russell: Die Feldenkraismethode in der Praxis

http://www.feldenkrais.com/about


One thought on “Bewusstheit statt Anstrengung – Feldenkrais für Organisationen

Comments are closed.